EXTRAORDINARY STANDARDS

Wir sind mit einer Überzeugung in diese Arbeit gestartet: Der Überzeugung, dass es mehr Gründe gibt, sich als Gestalter:in genau mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen als die pflichtbewusste Achtsamkeit und der ressourcenschonende Umgang mit ihr. Wir trafen die Annahme, dass es auch ein gestalterisches Potential in dieser Auseinandersetzung gibt – dass ein Umbau gerade durch das, was schon vorhanden ist, eine Qualität erhalten kann und dass eine Gestaltung, die diese Qualitäten sucht und sich ihrer bedient, dadurch gewinnt. Auf der Suche nach diesem gestalterischen Potential stellte sich die Frage, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen, wie wir das Wahrgenommene bewerten und wie das, was wir als wertvoll erachten, uns in unserer gestalterischen Arbeit als Werkzeug dienen kann.
Um der Beantwortung dieser Fragen näher zu kommen und ihr eine konkrete Grundlage liefern zu können, untersuchen wir unsere subjektiven und spezifischen Vorgehensweisen. Wir nähern uns durch die Reflexion dessen, was wir bereits tun, wie wir uns austauschen, mit wem und mit was wir uns beschäftigen. Über theoretische Positionen und die Assoziationen, die wir mit ihnen verbinden, über die Fotos, die wir sammeln, die Begriffe, die wir im Diskurs benutzen, und die Verbindungen, die wir darin sehen. Drei textliche Annäherungen stellen dar, was wir herausgefunden haben. Herausgefunden darüber, wie wir als Architekturschaffende eine gestalterische Qualität aus dem Vorhandenen entwickeln können. Wir führen in unsere Überlegungen zur Bedeutung von WERT ein, reflektieren über unser Konzept von VERSTÄNDNIS und dessen Bedeutung bei derVERÄNDERUNG.
Neben dieser theoretischen Herangehensweise entwickeln wir eine eigene Auseinandersetzung in einer Reihe von drei Versuchen. In dieser Versuchsreihe nähern wir uns drei Orten – dem Bürgeramt Mitte, der Passerelle und der Allee. Jeder Ort hat spezifische Eigenschaften und steht vor seiner eigenen Herausforderung – ein Haus, ein Stadtraum, ein Grünraum. Sie bieten uns Anlass und Grundlage zu überprüfen, wie wir die Geschichte, den Zustand und die Bedeutung der Orte begreifen können und inwiefern dieses aufgebaute Verständnis für die Gestaltung einer Veränderung nutzbar ist. Dieses Heft ist ein Versuch unser subjektives Bild der Orte zugänglich zu machen. Die Darstellung der Rechercheergebnisse ermöglicht einen informativen Hintergrund über Geschichten, Anekdoten und Assoziationen zu dem jeweiligen Ort. Die Fotoreihe bietet die Möglichkeit einen dokumentarischen, aber auch durch uns gerichteten Blick auf den Ort einzunehmen. Die Erzählungen, die durch die Visualisierungen entstehen, zeigen ein mögliches Bild des Ortes nach der Veränderung, von dem wiederum Rückschlüsse auf das ihm zugrunde liegende Verständnis des Ortes gezogen werden können.
Mit dieser Arbeit wird die theoretische Auseinandersetzung einem direkten, subjektiven Versuch gegenübergestellt, eine solche Arbeitsweise selber zu finden und anzuwenden. Alle Inhalte und ihre Gegenüberstellung spiegeln so zum einen das Ergebnis unserer Arbeit wider. Gleichermaßen bieten sie aber auch Anregung zum Diskurs als unser subjektiver Beitrag, fordern dazu auf die Ergebnisse untereinander zu prüfen und sie zu hinterfragen.

Mathis Bergmann, Jonas König